Am gestrigen Tage war ich mit den Landfrauen unterwegs :-)
Unser erstes Ziel war das
Stickmustermuseum in Celle .
... mir steht heute noch der Mund offen ;o)
Wer sich dafür wirklich interessiert, möchte wahrscheinlich dort übernachten und die weniger Interessierten werden auch in den Bann der letzten 400 Jahre Stickmuster-Kultur gezogen!
Dieses Museum, deren Exponate ausschliesslich von dem Ehepaar Connemann in 36 Jahren zusammengetragen wurden, ist weltweit das Einzige dieser Art. Frau Connemann führte unsere Gruppe durch das Museum und erklärte ausführlich dem Zeitrahmen angepasst, welche "Geschichten" und Bedeutungen hinter den einzelnen Symbolen stecken.
Die Sammlung beinhalten einen Großteil an alter deutscher Stickkunst, sowie auch aus angrenzenden europäischen Ländern.
Allein die Geschichte der Stickmustertücher - die von Mädbchen im Alter von 5-15 Jahren angefertigt wurden, bereitet Erfurcht und Gänsehaut. Sie beschreiben dort auf ihre Art das eigene Leben, Analphabetentum war normal ( bis 1870), obwohl sie Alphabet und Zahlen stickten. Bei manch einem Mustertuch entdeckt man das spiegelverkehrte N oder auch verdrehte Zahlen.
Mir stellte sich die Frage:
Warum haben die Mädchen das nicht wieder aufgetrennt?
Warum hat die "Lehrerin" dies nicht bemängelt?
Die Antwort von Fr. Connemann:
"Sie wussten es nicht besser, da Frauen dieser Zeit fast alles Analphabeten waren. So liegt es auch auf der Hand, dass ALLE Mädchen z.B. ein verderehtes N auf ihren Tüchern haben, die bei derselben Lehrerin waren."
Diese Tücher wurden vorerst angefertigt, damit die Mädchen später für ihre Aussteuer Mustervorlagen hatten. Bis 1780 ca. wurde auf den Tücher "wild" gestickt" - so findet man dort auch Vorlagen, die im Kreis bestickt wurden oder Symbole, die auf dem Kopf stehen. Erst danach wurde "geordnet" gestickt!
Jedes Mädchen hatte nur ein Stück Tuch, eine einzige Nadel und ja nach Geldbeutel wurde die einzelnen Fäden gekauft. So gibt es dort Tücher zu sehen, die eine Anfertigungszeit von bis zu 10 Jahren haben. Das Tuch wurde stets gerollt gelagert, damit es keinen Bruch erleidet.
Auch gab es in den höheren Kreisen eine Art der Stickkunst, die Muster in Quadraten zeigen, dicht an dicht und diese nannten sich dann Fleckmustertücher. Davon hängt übrigens auch eines im Museum, welches da allerschönste Stück für mich persönlich war und als ich davor stand, wirklich die Hand vor den Mund nahm, als ich laut "aufstöhnte". Es ist mit einer Grazie und solch einer Anmut gefertigt, dass mir die Tränen in die Augen schossen - so ergriffen war ich in dem Moment ♥
Diese Fleckmustertücher - wie auch die Stickmustertücher - wurden vor der Hochzeit als "Zeugnis" vorgelegt, um zu zeigen, was man kann. Daher stamme auch der Audruck: "Vom Fleck weg geheiratet" - so Fr.Connemann.
hach ... ich könnte noch so viel erzählen :-)
Es ist übrigens verboten, Fotos von den Tüchern zu machen. NICHT, weil man es aus Eitelkeit nicht wünscht, sondern um diese einzigartigen Tücher von unschätzbarem Wert vor dem Blitz zu schützen. Diese Handhabe kennt man ja auch aus anderen Museen und Kirchen. Auch findet man in keinem der Räume grelles Licht und beim Verlassen der Räume wird dieses auch ausgemacht.
Und noch ein Tipp:
Nehmt euch eine Lupe mit,
wenn ihr ganz genau hinschauen wollt:-)
Folgende Stickmustervorlagen durfte ich auf Nachfrage OHNE Blitz knipsen
♥ Danke ♥



... unsere Anfangsbuchstaben ...

Die Stickkunst der Kronen haben übrigens auch Bedeutungen -
die Anzahl der einzelnen "Zacken" geben Auskunft über die Herkunft.
Dem "Gesinde" war es untersagt, Kronen in deren Aussteuer zu sticken.
Es sei denn, als religiöses Beiwerk auf ein Stickmustertuch.

Dieses Foto musste ich machen, weil ich die passenden Weingläser zu diesen Likörgläsern besitze und gestern erfahren habe, dass sie um ca. 1860 hergestellt wurden :-)
Aber schaut euch mal das Alphabet auf dem linken Taschentuch an!
*schwärm*schmelz*seufz*

Und nun was Buntes!
Diese Schmetterlinge und Blumen sind so hauchfein gestickt
- einfädig auf zartestem Leinen!
klickt mal die Bilder an ...


Und hier noch mal eine besondere Stickart.
Die veredelten "Löcher" heissen Nähspitze ... dort werden nur je 1-2 Fäden waagerecht und senkrecht eingezogen oder belassen und dann wurde "in der Luft" das Muster frei gestickt.

Vorlagen aus oder auf Papier gab es so gut wie keine. Papier war in den meisten Kreisen unbezahlbar, deswegen waren diese Stickmustertücher auch von unschätzbarem Wert und wurden von Generation zu Generation weitergegeben.
Erst in der Biedermeierzeit begann man damit, Stickmuster auf Papier zu bringen. Eines der ersten "Hefte" ist auch im Museum zu sehen.
Eines weiss ich ganz sicher :
Da fahre ich noch mal hin
... bei besserem Wetter ...
... mit Stulle und Stuhl :-)
Mit immer noch ganz verzückten Grüssen ;o)))